Die Weichen werden gestellt
Unter alliierter Besatzung:
Es begann damit, daß Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg sehr geschwächt war ; die Wirtschaft war unter dem Vorkriegsniveau. Die europäischen Länder konnten den Bedarf an für das Überleben der Bevölkerung sowie für den Wiederaufbau der Volkswirtschaft notwendigen Produkten aus eigener Kraft nicht decken. Da sah die USA eine wirtschaftliche Chance. Sie war als einzige der großen Wirtschaftsmächte gestärkt aus dem Krieg gekommen. Die Produktion der USA hatte sich in diesen Jahren enorm gesteigert. Deswegen wurde am 5.06.1947 von dem US-Außenminister Marshall ein Hilfsprogramm für Europa, der Marshallplan, erstellt. Dieser Plan sollte die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa ordnen und teilweise auch wiederherstellen. Er wurde "Siegern" und Besiegten gleichermaßen angeboten. Die USA wollte damit der Bevölkerung des geschwächten Europas helfen. Die Hilfestellung sollte, in Form von Sachlieferung und Krediten, vor allem die deutsche Wirtschaft ankurbeln. Die Landwirtschaft, der Wohnungsbau, die Grundstoffindustrie, die Forschung sowie die Exportförderung profitierten am meisten davon, allerdings blieb die sowjetisch besetzte Zone ausgenommen.
Am 20.06.1948 wurde eine Währungsreform durchgeführt : jeder Bewohner der westlichen Besatzungszonen erhielt eine Summe von 40 DM ausgezahlt . Die neue Währung , angeodnet von den drei Militärgouverneuren , erhielt den Namen "DM"; die alte Währung , die "Reichsmark", wurde aufgrund der in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft entstandenen Inflation, im Verhältnis 1:10 abgewertet. Die Währungsreform veränderte die Lage schlagartig : der Schwarzmarkt verschwand, Waren tauchten wieder auf; es war das Ende der Bewirtschaftung und wurde zur Basis für die vom damaligen Direktor der Wirtschaftsverwaltung Ludwig Erhard geforderte "Soziale Marktwirtschaft". Auch hier blieb die sowjetisch besetzte Zone ausgenommen, damit war die Spaltung vorbereitet.
Der Marshallplan und die Währungsreform waren zwei wichtige Faktoren für den schnelleren Wiederaufbau der westdeutschen Wirtschaft . Weitere Faktoren des "Wirtschaftswunders" waren u.a. der Nachholbedarf der Deutschen an Konsum und Lebensstandard, Wiederaufbauwille, Verbesserung der Infrastruktur: die Eisenbahnstrecken wurden elektrifiziert, die Maschinenausstattung profitierte von großen Investitionen und das Bauhandwerk erhielt Vorrang , eine neue Steuergesetzgebung, die die Wirtschaft begünstigte und der Flüchtlingszustrom aus Mitteleuropa (später auch Gastarbeiter) setzte ein.
Die Region Hannover unter britischer Besatzung:
Der Ursprung der Messe: Die Region Hannover und damit auch Neustadt war fest in die westliche Entwicklung eingebunden . Wahlen gab es seit 1946 , und seit dem ersten November 1946 war das immer noch zerstörte Hannover bereits Hauptstadt des neu zugelassenen Landes Niedersachsen . Britische Wirtschaftsoffiziere setzten durch , daß bereits 1947 eine erste deutsche Exportmesse durchgeführt wurde . Als Ersatzstandort für das inzwischen in der sowjetisch besetzten Zone Leipzig wurde Hannover gewählt – allerdings erst , nachdem sich Düsseldorf erfolgreich geweigert hatte Glück für die Region! Von nun an ging es aufwärts , die Weichen für die künftige Entwicklung waren gestellt . Die Eröffnung des Flughafens 1952 war nur eine der Konsequenzen .
Die Stadt wird wiedererrichtet: Seit 1948 wurden Aufbaupläne für Hannover entwickelt , und bereits 1949 entstand eine als erste planmäßige Neubebauung "der Goldene Winkel", ein Wohnviertel , das um die Kreuzkirche herum angelegt wurde und bereits Züge hatte, die für die 50er Jahre typisch werden sollten .
Die systematische Planung und Bebauung der Region erfolgte analog eigenverantwortlich , wenn auch etwas später einsetzend , praktisch weitgehend getragen von lokalen "Bauvereinen" oder aber von der "Neuen Heimat", einer gemeinützigen Wohnungsbaugesellschaft unter dem Dachverband der Gewerkschaften .
Photo: Das Viertel "Goldener Winkel"
Neustadt entwickelt sich zur neuen Stadt:
Schon 1949 konnte die Stadt vier dreigeschossige Wohnblöcke mit 46 Wohnungen in der Goethestraße errichten , der ersten Straße eines Wohngebietes , das wegen seiner Größe und der vielen neuen Wohnstraßen in den folgenden Jahren schlechthin als die "Neue Stadt" bezeichnet wurde. An den rund 20 Straßen und Plätzen waren bis 1966 nicht nur Wohn- und Geschäftshäuser errichtet , sondern auch öffentliche Bauten , wie zum Beispiel Schulen (Volksschule 11 am Goetheplatz , Kreisberufsschule und Agrarschule, letztere bestehend aus Landwirtschaftlicher Berufschule und Landwirtschaftlicher Fachschule) , und die katholische St.-Peter-und-Paul- Kirche. Zu den repräsentativen Bauwerken dieser Gegend gehört auch noch der Neubau der allgemeinen Orts- und Landeskrankenkasse (1949) in der Goethestraße.
Begrenzt wird dieses große Wohngebiet im Norden der Altstadt, nach seinem alten Gemarkungsnamen auch Klagesäcker genannt, durch die 1961 erbaute Umgehungsstaße, die die Innenstadt von dem Durchgangsverkehr im Zuge der Bundesstraße 6 entlastet. Diese, auf einem teilweise bis zu 6m hohen Damm laufende, 1965 auf vier Fahrspuren erweiterte Fernverkehrstraße, wurde auf Betreiben des Rates verhältnismäßig nahe an den Stadtkern herangeführt, damit Neustadt am Rübenberge auch weiter seine direkte Anbindung an Hannover behielt. Damit die Umgehungsstraße aber möglichst wenig örtliche Verkehrswege störte, wurden sieben Brücken eingebaut, darunter eine neue Leinebrücke von 200m Länge.
Auch nördlich der Umgehungsstraße, die übrigens dem Staat Baukosten in Höhe von rund 12 Millionen Mark verursachte, sind die Äcker bis zur Gemarkungsgrenze nach Empede als Baugebiet bereits aufgeschlossen. Ein großes geschlossenes Wohngebiet entsteht seit 1962 auch an dem Ostufer der Leine, zwischen Wiesenstraße, Mecklenhorster Straße und der Umgehungsstraße. Hier baute und baut die "Neue Heimat" , eine dem deutschen Gewerkschaftsbund nahe stehende Baugesellschaft. Ende 1965 waren etwa 230 Wohnungen bezogen, weitere 70 waren derzeit in Bau.
Photo: Verkehrsberuhigung in Neustadts Innenstadt
Der Ost – West Konflikt spitzt sich zu:
Anfang der 50er Jahre wurde der "Eiserne Vorhang" immer undurchdringlicher. Reisemöglichkeiten gab es kaum, und auch die diplomatischen Beziehungen zwischen Ost und West waren mehr als unterkühlt. Der kalte Krieg bewegte sich auf seinen Höhepunkt zu. Die parlamentarischen Demokratien Westeuropas suchten nach Wegen zu einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die über Jahre hinweg zur EU führten. Im Osten schlossen sich die sozialistischen Länder 1949 im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) zusammen. Die Gegensätze zwischen Ost und West waren jedoch nicht nur rein wirtschaftlicher und ideologischer Natur. Eine militärische Auseinandersetzung, auch ein 3. Weltkrieg, schien nicht mehr ausgeschlossen. Bereits 1949 wurde die NATO zum Zweck der Erhaltung demokratischer Freiheiten gegründet. Als Reaktion darauf gründeten die sozialistischen Länder 1955 den Warschauer Pakt. Das "Gleichgewicht des Schreckens" der beiden Supermächte, sollte eine atomare Katastrophe verhindern. Deutschland war dabei Mittelpunkt der Konfrontation der beiden Systeme. Bereits 1946 waren die Gegensätze im Alliierten Kontrollrat immer offensichtlicher geworden. Während Amerikaner und Briten eine Westintegration Deutschlands anstrebten, plädierte die Sowjetunion für ein neutrales, entmilitarisiertes Deutschland. Von nun an gingen die westlichen Zonen und die SBZ getrennte Wege. Der unterschiedlichen Wirtschaftspolitik, der Enteignung des Grundbesitzes und Verstaatlichung der Industrien in der SBZ und der privaten Marktwirtschaft in den Westzonen folgte 1948/49 eine eigene westdeutsche bzw. ostdeutsche Währung und zwei Verfassungen der Teilstaaten. Die Westmächte und auch die neu entstandene Bundesrepublik Deutschland verweigerten der nach westlichem Verständnis nicht demokratisch entstandenen "DDR" die Anerkennung als Staat; die Bundesrepublik beanspruchte bis zu demokratischen Wahlen auf dem Gebiet der DDR die Alleinvertretung. Berlin war dabei Mittelpunkt aller Gegensätze. Westberlin, das mitten in der SBZ lag, konnte nur durch das Territorium der späteren DDR versorgt werden. 1948/49 versuchten die sowjetischen Besatzer gemeinsam mit den DDR-Machthabern, die Berlinfrage zu ihren Gunsten zu entscheiden, indem sie die Verkehrswege sperrten und in Ostberlin einen eigenen Magistrat installierten. Auf Initiative des amerikanischen Generals Lucius D. Clay wurde die Stadt nun aus der Luft versorgt. In einer "Luftbrücke" versorgten Tausende von "Rosinenbombern" die Berliner Bevölkerung. Erst im Mai 1949 wurde die Blockade aufgehoben, doch war die Stadt nun offiziell zweigeteilt. Die Zeichen für eine Wiedervereinigung standen schlecht, und das Verhältnis der beiden deutschen Staaten war äußerst gespannt. 1958 drohte Chruschtschow erneut mit einer Blockade, wenn es nicht binnen sechs Monaten zur Bildung einer "Freien Stadt West-Berlin" käme. Am 13. August 1961 wurden auf Geheiß Walter Ulbrichts die Westsektoren durch Stacheldraht und eine Mauer vom Ostteil der Stadt und den angrenzenden Gebieten abgeschnitten. Der Westen mußte tatenlos zusehen. Auch wenn Präsident Kennedy bei seinem Besuch im Juni 1962 die Sicherheit Westberlins mit den berühmten Worten "Ich bin ein Berliner" garantierte, blieb die Forderung des damaligen Regierenden Oberbürgermeisters Willy Brandt "Die Mauer muß weg!" ein frommer Wunsch.
Fest in die westlichen Bündnisse integriert, hatte die Gesellschaft der Bundesrepublik mit den Verwandten aus dem "Osten" oder aus der "Zone" – wie sie immer noch genannt wurden, fast nur noch brieflichen Kontakt oder durch hin und wieder versandte Pakete und Besuche von West nach Ost, die zwar beschwerlich, aber möglich waren. Der Zuwanderungsstrom aus dem Osten war mit dem Unüberwindlichmachen der Grenze fast ganz versiegt, und die beiden "Gesellschaften" nahmen endgültig völlig getrennte Entwicklungen. Die Region Hannover entwickelte sich ganz und gar nach westlichem Muster.
Nächste Seite - Es geht aufwärts